Wir/Noi | Andreas Bertagnoll

13.12.2013

Buchvorstellung

 

Er bewegt sich mitten hindurch, durch das Geschehen, scheinbar distanzlos und spontan. Mit seiner Kamera ist Andreas Bertagnoll den Menschen in Südtirol sehr nahe, manchmal geradezu bedrohlich nahe, gekommen.

 

Klischees versuchte ich in keinster Weise zu vermeiden, weil sie ja teilweise berechtigt sind. Ich wollte sie aber auch nicht unentwegt bestätigen, da sonst das Südtiroler Alltagsleben zu kurz gekommen wäre. Mir war es wichtig, eine 360-Grad-Perspektive einzufangen, deshalb habe ich Situationen des Südtiroler Alltags- und Veranstaltungslebens aus ihrem Kontext gerissen und sie mit weiteren ebenfalls aus dem Kontext gerissenen Situationen kombiniert, um eigene, neue Kontexte zu schaffen. Ich wollte verbinden, was vorher nicht verbunden war.

Andreas Bertagnoll

 

Die Bilder von Andreas Bertagnoll, der in Mailand Fotografie studierte, wirken durch unmerkliche Verfremdungen. Sie verraten sich nicht ganz, verharren in der Andeutung von etwas, das über das Bild hinausgeht oder vorenthalten wird: Die Szenen und ihre Protagonisten erzählen nie die ganze Geschichte, konfrontieren den Betrachter mit narrativen Leerstellen. Was vorher war, muss erahnt werden; wie es weitergeht, was eigentlich passiert – das alles ist mit den Stilmitteln der Fotografie geradezu codiert. Die Bühne ist dabei Südtirol. Andreas Bertagnoll, stellte sich zu Beginn seines Projektes zunächst Fragen: Was ist für ich Südtirol? Was ist ein Südtiroler? Gibt es ihn überhaupt? – Für den Kalterer Fotografen war und sind die Antworten darauf noch immer nicht eindeutig greifbar.

 

“Was sind das für Menschen, was sind das für Bilder? Fast scheint es, als wäre auf diesen Bildern das Eigentliche verpasst worden, aus dem Bild gelaufen, ehe es festgehalten werden konnte, sodass der Kamera nur die Details am Rande blieben oder jene Beiläufigkeiten, die dem Bild Glätte nehmen und den Blick brechen wie Wasser das Licht: Kratzer auf einer Scheibe, vermutlich Plexiglas, hinter der sich zwei Menschen – verzweifelt, glücklich? – im nächsten Augenblick küssen werden, Trost suchen, auseinandergehen – wer weiß es.”
Hans Karl Peterlini

 

Zur Auffrischung des Gedächtnisses ein kurzer Abstecher in die Geschichte unseres Landes: Über Jahrhunderte war es ein Teil des ehemaligen Tirols, einem Kronland der Habsburger Monarchie, nach dem Ersten Weltkrieg von Italien annektiert. Ein Ort der Klischees vom Alpenidyll und Bella Italia, aber auch der Entfremdung, der politischen Risse, der Traumata, der bis in die Gegenwart nachwirkenden Verletzungen und Irritationen. Andreas Bertagnoll nähert sich dieser brüchigen Heimat als unauffälliger Beobachter. Er dokumentiert alltägliches Geschehen und verzichtet dabei auf Wertungen und vorweggenommene Deutungen.

 

Andreas Bertagnoll (* 1978 in Bozen) besuchte zunächst die Oberschule für Landwirtschaft in Auer und studierte anschließend Fotografie am Istituto Europeo di Design in Mailand, bevor er wieder nach Südtirol zurück kehrte. Seine Arbeiten wurden unter anderem im Fotoforum West in Innsbruck, in der Fotogalerie Heeder in Krefeld, im Fotoforum in Bozen und in einer Wanderaustellung in Mailand gezeigt. “Wir/Noi” ist sein erstes Fotobuchprojekt.

 

 

WIR/NOI von ANDREAS BERTAGNOLL

Fotografien von Andreas Bertagnoll

Autoren: Daniela Billner, Hans Karl Peterlini

Deutsch/Italienisch/Englisch

ISBN 978-3-86828-423-2

Festeinband, 24 x 20 cm, 72 Seiten, 48 Farbabb., 29,90 Euro

 

Weitere Buchvorstellungstermine: 19.12. 2013 19 Uhr Kunstcafé Meran; 14.1.2014 19 Uhr Rathausgalerie Brixen; 16.1.2013 19 Uhr Bibliothek Auer.

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